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Ein Kommentar der Naturgärtner über den Wahn des Kürzens und Fällens von Bäumen

„Lasst uns doch gleich den Planeten stilllegen“

Als ich nach dem Sturm „Friederike“ am 18. Januar 2018 nachts von der Feuerwehr benachrichtigt wurde, mir doch bitte einen Baumabgänger anzuschauen, der auf ein Gebäude zu stürzen drohte, kam vor Ort die Idee auf, diesen Baum mit Spanngurten zu sichern. Die Feuerwehrleute überprüften den Garten und sämtliche angrenzenden Gärten in der Straße. „Wir können nicht sichern, in den umliegenden Gärten gibt es keinen Baum“, so die Einsatzkräfte. Wie bitte? „In der ganzen Nachbarschaft keinen einzigen Baum mehr …“. Das machte mich stutzig, aber es war ja stockfinster. Am nächsten Tag fuhr ich mit unserem Baumkletterer zu diesem Garten, um das Abtragen des abgängigen Baumes zu besprechen. Tatsächlich. In der ganzen Siedlung gibt es keinen einzigen Baum mehr. Ich wusste nicht, ob ich jetzt laut loslachen oder weinen sollte. Ich war einfach nur fassungslos. Schlagartig wurde mir bewusst, was sich in den Köpfen vieler Menschen abspielt. Auf der einen Seite bemühen sich die Kommunen um Blühstreifen an den Wegrändern; Bäume in den Städten unterliegen Baumschutzsatzungen; Klimaziele werden festgelegt; der Landwirtschaft wird gern der Schwarze Peter in die Schuhe geschoben: Hauptsache wir haben jemanden, auf den wir alles abschieben und auf den wir mit dem Finger zeigen können. Aber bloß nicht vor der eigenen Haustür und im eigenen Garten kehren. Dort können wir machen, was wir wollen. Alles schreit, aber wenige tun wirklich etwas, das scheint modern geworden zu sein. Wenn wir die Leute auf die starken Reduzierungen oder Fällungen der Bäume ansprechen, ist meistens auch jemand anderes schuld, wie zum Beispiel der Nachbar, der sich mal wieder beschwert hat. In einem Vortrag berichtete der Gartenarchitekt Hanke, dass es in der Stadt Berlin die meisten Vogelarten Deutschlands gibt. Wie? In der Großstadt? In den Städten ist die Natur inzwischen mehr zu Hause als auf dem Land. Dort gibt es diverse Rückzugsmöglichkeiten für die Tierwelt. Überall auf dem Land herrscht inzwischen Monokultur in den Wäldern, auf den Feldern und in den friedhofähnlichen Kiesvorgärten. Liegt es an der Veränderung in unseren Köpfen? In unseren Privatgärten hat sich etwas Merkwürdiges eingeschlichen: „Der Baum wird zu hoch“, hören wir die Leute reden. Unsere Standardantwort: „Nach oben ist Platz genug.“ Viele Bäume sehen aus, wie soeben dem Kasernenhof entronnen, uniform ‚geköpft‘. Wir Naturgärtner bedauern, dass es in den Siedlungen Ostwestfalens in einigen Straßenzügen kaum noch Gehölze gibt, die gefühlte zwei Meter überragen. Wenn wir Landschaftsgärtner nach den Gründen fragen, bekommen wir Antworten wie: „Zu viel Arbeit.“, „Das Laub macht nur Dreck.“, „Der Nachbar hat sich beschwert.“, „Angst vor dem nächsten Sturm.“. Bislang haben wir allerdings noch nirgends lesen können, dass Laub nicht auf dem Boden ankommen darf. Im Gegenteil: Laub gehört zum Naturkreislauf und sollte in den Beeten liegen bleiben. Die Pflanzen holen sich im kommenden Jahr ihre Nährstoffe und wachsen viel gesünder. Wichtige Kleinlebewesen haben die Möglichkeit zu überwintern, der Boden wird durch Laub gemulcht, die Folge ist ein reges Bodenleben. Auch der Wasserhaushalt wird durch die schützende Laubdecke reguliert, die Pflanzen werden vor Frost geschützt. Jeder Baum hat zudem, wie der Mensch auch, seine typische Wuchsform, den Habitus. Jede Pflanze ist eine Schönheit der Natur. Viele Gartenbesitzer wollen es „pflegeleicht“. Pflegeleicht kann aber nicht bedeuten, dass ein Garten überhaupt keine Arbeit mehr macht. Einen solchen Garten gibt es nicht, es sein denn, man mag ihn grün asphaltiert mit Plastikblumen. Pflanzt man Bäume und Sträucher jedoch in vernünftigen Abständen und schneidet sie fachgerecht, ist der Aufwand nach mehreren Wuchsjahren im ersten Schnittdurchgang zwar ein wenig größer, wird aber im Laufe der folgenden Jahre erheblich geringer. Das Gegenteil beweisen uns ungelernte Berufskollegen, die nichts anderes können, als ihre überdimensionierten Maschinen und Heckenscheren zum Einsatz zu bringen. Es wird geköpft und gerodet, was das Zeug hält, ob Baum oder Strauch, alles wird maßgerecht geschneidert. Und das Allerschlimmste ist: In unseren Köpfen gilt dies inzwischen als richtig und normal. Für uns ist erschreckend zu beobachten, wie sich ein Großteil der Gärten in den letzten Jahren entwickelt hat. Je weiter sich der Mensch von der Natur entfernt, desto lebloser werden auch unsere Gärten, aber auch aus unserem Leben verschwindet das Leben. Wenn wir verstehen würden, dass wir eins mit der Natur und die Natur eins mit uns ist, würden wir vielleicht anders handeln. Viele von uns denken zudem bis zur Gartengrenze und nicht einen Millimeter weiter. Wie schön wäre es doch, wenn wir uns an der Bepflanzung des Nachbarn freuen könnten, auch wenn die ein wenig über die ‚heilige‘ Grenze ragt. Ich wünschte mir ein Denken, das uns als Teil der Natur versteht, und zu der gehört nun einmal auch ein natürlich gestalteter Garten in meinem Umfeld mit ein wenig Bewuchs . . .





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